Vier Jahreszeiten sind drei zu viel – Warum die Natur dringend einen Nachhaltigkeitsbeauftragten braucht
Es gibt Dinge, die die Menschheit seit Jahrtausenden hinnimmt, ohne sie ernsthaft zu hinterfragen. Die Schwerkraft beispielsweise. Oder die Tatsache, dass sich Bettdecken grundsätzlich so in ihren Bezügen verheddern, dass eine Ecke am Ende immer leer bleibt.Und dann gibt es die vier Jahreszeiten. Vier. Ich habe mich schon häufiger gefragt, wer sich diese Zahl eigentlich ausgedacht hat. Wurde darüber abgestimmt? Gab es eine Ausschreibung? Hat irgendwann jemand beschlossen, dass wir drei Monate lang frieren, drei Monate auf besseres Wetter warten, drei Monate schwitzen und anschließend drei Monate lang Blätter zusammenkehren müssen?Und vor allem: Wer hat das genehmigt?Ich vermute, niemand. Die Natur hat das einfach eingeführt. Ohne Bürgerbeteiligung, ohne Wirtschaftlichkeitsprüfung und, soweit ich weiß, auch ohne Nachhaltigkeitskonzept.
Eine betriebswirtschaftliche Betrachtung
Beginnen wir mit dem Sommer. Der Sommer ist grundsätzlich eine ausgezeichnete Erfindung. Man kann draußen sitzen, im Biergarten ein Bier trinken, mit Freunden feiern, Cabrio fahren oder einfach im Garten liegen und so tun, als hätte man nichts zu erledigen. Man braucht weniger Kleidung, muss nicht heizen und kann sogar abends noch vor die Tür gehen, ohne vorher eine kleine Expedition auszurüsten.

Natürlich gibt es gelegentlich Beschwerden über zu hohe Temperaturen. Aber das ist kein grundsätzliches Problem des Sommers, sondern lediglich ein Mangel an professioneller Temperatursteuerung. Dazu später mehr.Betrachten wir zunächst den Frühling. Der Frühling ist gewissermaßen die Probezeit des Sommers. Man weiß nie, woran man ist. Morgens sind es vier Grad, mittags achtzehn, nachmittags regnet es, und am nächsten Tag schneit es noch einmal.

Man verlässt morgens das Haus in einer Winterjacke und kommt nachmittags nach Hause, als hätte man gerade eine mehrstündige Wanderung durch die Sahara hinter sich. Das ist weder effizient noch kundenfreundlich. Der Frühling verspricht viel und liefert unzuverlässig.Dann folgt der Herbst. Der Herbst ist aus betriebswirtschaftlicher Sicht besonders bemerkenswert. Zunächst investiert die Natur mehrere Monate in die Produktion unzähliger Blätter. Diese werden mit Wasser, Sonnenenergie und Nährstoffen hergestellt, sorgfältig an Bäumen befestigt und anschließend in einem aufwendigen Verfahren eingefärbt. Gelb. Rot. Orange. Braun. Teilweise sogar an ein und demselben Baum.

Und kaum ist dieser Vorgang abgeschlossen, wirft die Natur die gesamte Produktion auf den Boden. Einfach so. Millionen Tonnen Material, die anschließend von Menschen zusammengekehrt, weggeblasen, aufgesaugt, abtransportiert oder kompostiert werden müssen. Würde ein Industrieunternehmen seine Produkte jedes Jahr nach wenigen Monaten vollständig entsorgen, käme vermutlich die Unternehmensberatung. Bei der Natur nennt man es Indian Summer.Und schließlich der Winter. Ich möchte an dieser Stelle nicht ungerecht sein. Der Winter hat durchaus seine Anhänger. Manche Menschen fahren freiwillig in die Berge, um dort bei Temperaturen unter null Grad auf zwei schmalen Brettern einen Hang hinunterzurutschen.

Andere bezahlen erhebliche Summen dafür, sich auf Weihnachtsmärkten in überfüllten Menschenansammlungen aufzuhalten und heiße Getränke zu konsumieren, damit ihre Finger nicht abfrieren.Ich respektiere solche Freizeitentscheidungen. Aber wir sollten sie nicht zur Grundlage eines weltweiten Klimakonzepts machen. Allein die zusätzlichen Heizkosten sind enorm. Hinzu kommen Winterreifen, Winterjacken, Mützen, Handschuhe, Schneeschaufeln, Streusalz und die unzähligen Arbeitsstunden, die Menschen damit verbringen, ihre Fahrzeuge von Eis zu befreien. Und das alles nur, weil die Natur sich weigert, ganzjährig eine vernünftige Betriebstemperatur einzuhalten.
Mein Vorschlag: Sommer für alle
Nach eingehender Überlegung kam ich deshalb zu einem überraschend einfachen Ergebnis: Wir brauchen keine vier Jahreszeiten. Eine genügt. Sommer.Natürlich keinen dieser übertriebenen Sommer mit vierzig Grad im Schatten, bei denen man schon beim Öffnen der Haustür das Gefühl bekommt, jemand hätte den Backofen auf Umluft gestellt. Ich dachte eher an eine standardisierte Sommerversion. Vierundzwanzig Grad tagsüber. Siebzehn Grad nachts. Eine leichte Brise, vorzugsweise aus westlicher Richtung. Regen ausschließlich zwischen zwei und fünf Uhr morgens.So wären die Pflanzen versorgt, die Straßen morgens wieder trocken und die Biergärten durchgehend nutzbar. Selbstverständlich müsste es regionale Anpassungsmöglichkeiten geben. Schließlich möchte ich niemandem meine Vorstellungen aufzwingen. Wer es lieber etwas wärmer hätte, könnte eine Erhöhung um zwei Grad beantragen. Dafür wäre allerdings ein entsprechender Nachweis des persönlichen Wärmebedarfs erforderlich. Wir wollen schließlich nicht, dass jeder einfach macht, was er will.
Endlich nachhaltige Selbstdarstellung
Besonders große Vorteile hätte mein Konzept für die sozialen Netzwerke. Darüber wird in der Klimadiskussion bisher viel zu wenig gesprochen. Bislang müssen Millionen Menschen ihre digitale Außendarstellung viermal jährlich den Witterungsverhältnissen anpassen.Im Frühling fotografieren sie Blumen. Im Sommer sitzen sie mit Sonnenbrillen im Biergarten, fahren Cabrio oder halten ihre Füße vor einen Sonnenuntergang. Im Herbst spazieren sie nachdenklich durch buntes Laub. Und im Winter stehen sie mit roten Nasen auf Weihnachtsmärkten und halten Glühweintassen in die Kamera. Was für ein Aufwand.Bei ganzjährigem Sommer würde ein einziges ordentliches Fotoshooting genügen. Ein paar Freunde, ein Tisch im Biergarten, etwas Sonnenschein im Hintergrund. Fertig. Dieses Bild ließe sich im Februar genauso veröffentlichen wie im August. Man müsste lediglich die Bildunterschrift ändern: Endlich Wochenende! Oder: Das Leben genießen!Auch die Bildbearbeitung würde erheblich vereinfacht. Keine herbstlichen Farbtöne mehr. Kein winterliches Blau. Keine mühsam eingefügten Schneeflocken. Ein Filter für alle.Natürlich könnte das langfristig zu einer gewissen Gleichförmigkeit führen. Wenn sämtliche Menschen ganzjährig im Biergarten sitzen, Cabrio fahren und am Strand liegen, würde es schwierig, sich noch von anderen abzuheben. Aber auch dafür hätte ich bereits eine Lösung: künstliche Jahreszeitenhintergründe. Herbstlaub, Schnee, Frühlingsblüten. Gegen eine geringe monatliche Gebühr. So könnte jeder weiterhin seine Lieblingsjahreszeit präsentieren, ohne dass die Natur dafür tatsächlich tätig werden müsste. Das wäre nicht nur nachhaltig. Es würde auch völlig neue Geschäftsmodelle eröffnen.
Die demokratische Einheitsgarderobe
Allerdings gab es erste kritische Stimmen. Man warf mir vor, durch die Abschaffung der Jahreszeiten eine gefährliche Gleichförmigkeit herbeizuführen. Schließlich würden alle Menschen nur noch Sommerkleidung tragen. Manche sprachen bereits vom textilen Kommunismus.Diesen Vorwurf wies ich entschieden zurück. Mein Konzept hatte mit Gleichmacherei überhaupt nichts zu tun. Jeder Mensch sollte selbstverständlich frei entscheiden dürfen, welche Sommerkleidung er trägt. Kurze Hosen. Lange Hosen. T-Shirts. Hemden. Kleider. Auch die Farbwahl bliebe vollkommen frei. Sogar Muster wären erlaubt.Wer seine körperlichen Vorzüge besonders gerne zur Schau stellen möchte, könnte sich für eine entsprechend sparsame Stoffausstattung entscheiden. Ich persönlich würde vermutlich weiterhin Kleidungsstücke bevorzugen, die etwas größere Teile meines Körpers bedecken. Man muss schließlich nicht jede Fläche, über die man verfügt, auch öffentlich ausstellen.Um diese Vielfalt langfristig sicherzustellen, müssten wir allerdings einheitliche Standards entwickeln. Schließlich kann es nicht sein, dass der eine Hersteller ein T-Shirt für vierundzwanzig Grad anbietet, während ein anderer behauptet, seines sei erst ab sechsundzwanzig Grad optimal tragbar. Hier wäre eine internationale Sommerbekleidungsnorm notwendig. Mit verbindlichen Vorgaben zur Atmungsaktivität, Nachhaltigkeit und maximal zulässigen Stoffmenge.Natürlich würde niemand gezwungen, bestimmte Kleidung zu tragen. Jeder könnte völlig frei zwischen sämtlichen zugelassenen Modellen wählen. Und wer etwas anderes möchte, könnte eine Ausnahmegenehmigung beantragen. Das ist schließlich der entscheidende Unterschied zwischen Gleichmacherei und moderner Freiheit: Bei uns darf jeder individuell sein, solange er sich an dieselben Vorschriften hält.
Bürgernähe braucht Organisation
Damit waren wir bei einer weiteren wichtigen Frage angelangt. Wer sollte die Einhaltung unserer neuen Klimastandards eigentlich überwachen? Natürlich war mir bewusst, dass eine weltweite Klimareform nicht allein von einer zentralen Behörde gesteuert werden konnte. Wir mussten die Menschen mitnehmen. Dafür brauchten wir Bürgernähe.Also schlug ich zunächst regionale Temperaturämter vor. Dort könnten Bürger ihre persönlichen Temperaturwünsche einreichen, Beschwerden über unerwartete Niederschläge vorbringen oder Ausnahmegenehmigungen für herbstlich gefärbte Gartenbäume beantragen.Allerdings durften diese regionalen Ämter selbstverständlich nicht unabhängig voneinander entscheiden. Schließlich konnte es nicht sein, dass in Nürnberg vierundzwanzig Grad genehmigt wurden, während in Fürth versehentlich fünfundzwanzig Grad herrschten. Also benötigten wir eine staatliche Temperaturbehörde, die sämtliche regionalen Ämter koordinierte.Nun mussten allerdings auch die Staaten miteinander kommunizieren. Dafür gründeten wir die kontinentale Temperaturkoordinierungsstelle. Und weil die Kontinente wiederum nicht unabhängig voneinander agieren durften, benötigten wir schließlich eine Weltklimaverwaltung. Diese koordinierte die kontinentalen Behörden, welche die nationalen Stellen beaufsichtigten, die ihrerseits für die regionalen Ämter zuständig waren. Damit hatten wir endlich eine durchgängige Verwaltungsstruktur geschaffen.Besonders stolz war ich auf unser neues Beschwerdesystem. Wenn beispielsweise ein Bürger in Hersbruck feststellte, dass es auf seiner Terrasse nur dreiundzwanzig statt der vorgeschriebenen vierundzwanzig Grad hatte, konnte er eine Meldung beim regionalen Temperaturamt einreichen. Dort wurde der Vorgang erfasst und an die nationale Behörde weitergeleitet. Diese erstellte eine Stellungnahme für die kontinentale Koordinierungsstelle. Von dort ging die Meldung an die Weltklimaverwaltung.Nach sorgfältiger Prüfung wurde eine Handlungsempfehlung erstellt, die auf demselben Dienstweg wieder zurückgeleitet wurde. Die durchschnittliche Bearbeitungszeit betrug lediglich achtzehn Monate. Ein ausgesprochen guter Wert für ein weltweites Projekt.Manche Bürger bemängelten, dass die Temperaturabweichung längst verschwunden sei, bevor ihre Beschwerde abschließend bearbeitet wurde. Aber das zeigte lediglich, wie erfolgreich unser System bereits arbeitete. Die Probleme lösten sich inzwischen von selbst, noch bevor die Verwaltung eingreifen musste.
Arbeitsplätze sichern durch Vereinfachung
Auch beschäftigungspolitisch erwies sich unser Vorhaben als Erfolg. Zwar würden durch die Abschaffung des Winters zahlreiche Arbeitsplätze entfallen. Schneeräumdienste, Hersteller von Winterbekleidung, Betreiber von Skiliften und möglicherweise auch einzelne Weihnachtsmarktveranstalter müssten sich beruflich neu orientieren. Aber dafür entstanden neue Aufgaben.Wir benötigten Temperaturprüfer, Niederschlagskoordinatoren, Bekleidungsnormbeauftragte und natürlich Verwaltungsmitarbeiter für sämtliche neu geschaffenen Behörden. Nach ersten Berechnungen könnten allein in der Weltklimaverwaltung rund 280.000 Menschen beschäftigt werden.Zunächst erschien mir diese Zahl etwas hoch. Bei näherer Betrachtung stellte sich allerdings heraus, dass lediglich 40.000 Mitarbeiter unmittelbar mit Klimafragen beschäftigt wären. Die übrigen 240.000 würden die Zuständigkeiten der anderen koordinieren. Das war selbstverständlich notwendig. Denn ohne diese Koordination könnten die 40.000 Mitarbeiter möglicherweise eigenständig Entscheidungen treffen. Und das wäre mit einer geordneten Verwaltung nun wirklich nicht vereinbar.Allerdings musste ich einräumen, dass unser Reformprojekt inzwischen eine gewisse bürokratische Eigendynamik entwickelt hatte. Das gefiel mir nicht. Ich hatte schließlich angetreten, um die Welt einfacher zu machen.Also schlug ich die Gründung einer internationalen Entbürokratisierungsbehörde vor. Sie sollte sämtliche bestehenden Verwaltungsabläufe überprüfen und Vorschläge zur Reduzierung unnötiger Zuständigkeiten erarbeiten. Natürlich benötigte auch diese Behörde regionale Außenstellen, nationale Koordinierungszentren und eine kontinentale Aufsicht.Nach drei Jahren legte sie ihren ersten Bericht vor. Auf 1.800 Seiten. Darin empfahl sie die Einrichtung einer zusätzlichen Behörde, die künftig verhindern sollte, dass neue Behörden gegründet werden. Damit war das Problem der überbordenden Bürokratie zunächst organisatorisch gelöst.
Ein letzter Einwand – und ein unerwartetes Problem
Nachdem ich mein Konzept in allen wesentlichen Punkten durchdacht hatte, blieb eigentlich nur noch eine Frage offen: Was würde die Natur selbst dazu sagen?Ich hatte mich bislang bewusst nicht mit ihr abgestimmt. Das erschien mir auch nicht unbedingt erforderlich. Schließlich war die Natur für den gegenwärtigen Zustand verantwortlich und deshalb kaum als unabhängige Gutachterin geeignet.Andererseits wollte ich ihr durchaus Gelegenheit geben, zu meinen Verbesserungsvorschlägen Stellung zu nehmen. Also beschloss ich, Mutter Natur ein entsprechendes Schreiben zukommen zu lassen. Ich setzte mich an meinen Schreibtisch und begann mit der Formulierung.Sehr geehrte Frau Natur,Dann hielt ich inne.Frau Natur? Woher wusste ich eigentlich, dass die Natur weiblich war? Nur weil seit Jahrhunderten von Mutter Natur gesprochen wurde? Das erschien mir als Grundlage für eine offizielle geschäftliche Korrespondenz etwas dürftig.Vielleicht war die Natur männlich. Vielleicht hatte sie überhaupt kein Geschlecht. Möglicherweise betrachtete sie sich auch gar nicht als Person, sondern als übergeordneten ökologischen Dienstleistungsbetrieb.Ich wollte schließlich niemanden mit einer unzutreffenden Anrede vor den Kopf stoßen. Also recherchierte ich. Leider fand ich weder eine offizielle Selbstauskunft noch eine zuständige Personalabteilung. Auch ein Handelsregistereintrag war nicht vorhanden.Schließlich kam ich zu dem Ergebnis, dass zunächst ein förmliches Verfahren zur Feststellung der korrekten Anrede eingeleitet werden musste. Dafür benötigten wir selbstverständlich eine unabhängige Kommission. Diese sollte die Angelegenheit unter Einbeziehung sämtlicher zuständiger Behörden sorgfältig prüfen.Ich verfasste also einen entsprechenden Antrag. Allerdings stellte sich heraus, dass für die Einsetzung einer solchen Kommission zunächst die Zustimmung der Weltklimaverwaltung erforderlich war. Die wiederum verlangte eine schriftliche Einverständniserklärung der betroffenen Person. Oder Institution. Oder was auch immer die Natur eigentlich war.Damit war unsere Reform zum ersten Mal an einem Problem gescheitert, das wir selbst geschaffen hatten.Ich legte den Stift beiseite. Draußen begann es zu regnen. Kurz darauf wurde es dunkel. Und als ich das Fenster schließen wollte, bemerkte ich, dass es für Ende Oktober inzwischen wieder ausgesprochen kalt geworden war. Ich drehte die Heizung etwas höher.Dann beschloss ich, die Angelegenheit auf den Sommer zu verschieben. Bis dahin würde sich hoffentlich geklärt haben, wer für das Wetter eigentlich zuständig war.© 2026 Wolfgang Kohlschütter · eswolferl.de