All inclusive – Eine Reise mit ungewisser Teilnehmerzahl
Aus der Reihe „Der Reiseveranstalter – unterwegs mit ungewissem Ziel“ · Folge 1
Ich hatte beschlossen, mich noch einmal auf eine große Reise zu begeben. Nicht nach Griechenland, nicht nach Sizilien und auch nicht mit dem Wohnmobil. Nein, diesmal sollte es eine Reise zu zweit werden.
Das Reiseziel war zunächst unbekannt. Die Reisezeit ebenfalls. Immerhin schien das Interesse an der Reise auf beiden Seiten vorhanden zu sein.
Als erfahrener Organisator übernahm ich selbstverständlich die Reiseplanung.
Ich stellte ein abwechslungsreiches Programm zusammen. Romantische Ausflüge, musikalische Abendunterhaltung, gelegentliche kulinarische Höhepunkte und sogar ein kulturelles Rahmenprogramm mit eigens verfassten Kurzgeschichten.
Meine Reisebegleitung zeigte sich anfangs durchaus interessiert.
Sie sprach von gemeinsamen Winterabenden, kulinarischen Unternehmungen und möglichen Zwischenstopps in meiner Küche. Zeitweise hatte ich sogar den Eindruck, sie würde bereits den Reisekatalog für das kommende Jahr durchblättern.
Die Buchungslage entwickelte sich vielversprechend.
Allerdings stellte ich nach einiger Zeit fest, dass ich nicht nur Reiseveranstalter, sondern offenbar auch Reiseleiter, Bordunterhalter, Animateur und zuständiger Sachbearbeiter für die gesamte Gästekommunikation war.
Auf meine liebevoll zusammengestellten Tagesprogramme erhielt ich regelmäßig eine standardisierte Rückmeldung.
Daumen hoch.
Das war immerhin mehr als bei manchen Pauschalreisen, bei denen man erst nach drei Wochen erfährt, dass das Hotel gar nicht existiert.
Ich begann, meine Angebote zu überarbeiten.
Weniger melancholische Musik. Mehr Humor. Bessere Fotos. Anspruchsvollere Texte. Schließlich wollte ich vermeiden, dass meine einzige Reiseteilnehmerin bereits vor der Abfahrt eine Beschwerde bei der Reiseleitung einreichte.
Doch unabhängig davon, ob ich ein romantisches Abendprogramm oder eine satirische Lesung anbot, blieb die Bewertung bemerkenswert konstant.
Daumen hoch.
Langsam fragte ich mich, ob ich möglicherweise gar keine Reisebegleitung, sondern eine Testperson für die Qualitätskontrolle gebucht hatte.
Andererseits: Die Teilnehmerin hatte die Reise bislang nicht storniert. Gelegentlich brachte sie sogar eigene Programmpunkte ein. Das sprach eindeutig gegen eine vollständige Ablehnung des Reiseangebots.
Ich beschloss daher, das Reiseprogramm etwas zu reduzieren.
Keine täglichen Ausflüge mehr. Keine musikalische Dauerbeschallung. Und vor allem keine aufwendigen Abendveranstaltungen, solange nicht wenigstens geklärt war, ob die Teilnehmerin überhaupt schon ihren Koffer gepackt hatte.
Schließlich sollte eine gemeinsame Reise auch gemeinsam gestaltet werden.
Heute befindet sich das Unternehmen in einer Phase, die man in der Tourismusbranche vermutlich als individuelle Anreise bei ungeklärter Abfahrtszeit bezeichnen würde.
Ich habe jedenfalls meinen Koffer gepackt.
Die Reiseroute ist offen.
Und falls meine Reisebegleitung irgendwann fragt, wann es endlich losgeht, werde ich selbstverständlich freundlich antworten.
Mit einem Daumen hoch.
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