Mein zweites Hobby ist Laden
Eine kleine Geschichte über Elektromobilität, eine verschwundene Anhängerkupplung und die Frage, warum mein graues Auto eigentlich grün ist
Persönlicher Einstieg in die Elektromobilität
Seit August fahre ich elektrisch.
Allerdings begann meine persönliche Elektromobilität bereits einige Monate vorher.
Mit einer Anhängerkupplung.
Genauer gesagt vermutlich mit zweien.
Die Bestellung
Dienstwagen werden bei uns über einen Konfigurator zusammengestellt. Man wählt Fahrzeug, Ausstattung und verschiedene Optionen aus. Anschließend wird die Konfiguration als PDF ausgedruckt und an die Leasinggesellschaft geschickt.
Dort wird die Bestellung geprüft, kommt zurück, geht zu unserem Fuhrparkmanagement, wird dort noch einmal bearbeitet und schließlich offiziell bestellt.
Es handelt sich also keineswegs um einen spontanen Vorgang. Mehrere Menschen und Systeme beschäftigen sich mit diesem Auto, bevor es gebaut wird.
Das beruhigt.
Ich konfigurierte also mein Fahrzeug. Bei der Anhängerkupplung war die Beschreibung für mich nicht ganz eindeutig. Ich wollte aber unbedingt eine.
Also bestellte ich sicherheitshalber eine Anhängerkupplung.
„Sicherheitshalber“ ist ein wichtiges Wort. Es hat in meinem Leben bereits zu erstaunlichen Entwicklungen geführt.
Die Konfiguration ging an die Leasinggesellschaft. Sie wurde geprüft. Sie kam zurück. Sie ging an unser Fuhrparkmanagement. Dort wurde sie bestellt.
Alles lief seinen vorgesehenen Weg.
Was zu diesem Zeitpunkt offenbar niemand bemerkte: Das Fahrzeug hatte in dieser Ausstattung bereits serienmäßig eine Anhängerkupplung.
Ich hatte also möglicherweise eine zusätzliche bestellt.
Aber dazu später.
Mai
Bestellt hatten wir das Fahrzeug im Februar. Als Liefertermin war zunächst Mai angekündigt.
Das fand ich beeindruckend.
Februar bestellen. Mai fahren.
Elektromobilität konnte offenbar sehr schnell sein.
Dann kam der Mai.
Das Auto nicht.
Stattdessen verschob sich der Liefertermin auf Ende des vierten Quartals. Das war insofern eine interessante Präzisierung, weil zwischen Mai und dem Ende des vierten Quartals ein nicht unerheblicher Teil des Jahres liegt.
Es folgte Kommunikation. Mit der Leasinggesellschaft. Mit dem ausliefernden Autohaus.
Ich versuchte herauszufinden, wann das Fahrzeug denn nun tatsächlich kommen würde.
Beim Autohaus bekam ich schließlich einen hilfreichen Hinweis: Ich könne mich ja noch einmal melden. Vielleicht komme das Auto doch im August.
Das fand ich ausgesprochen entgegenkommend. Schließlich ging es um ein Fahrzeug, das dort irgendwann eintreffen sollte.
Und wer könnte besser überwachen, ob es dort eintrifft, als ich?
Tatsächlich kam das Auto im August.
Damit möchte ich mich ausdrücklich nicht beschweren. Zwischenzeitlich hatte ich mit Ende des Jahres gerechnet.
August war also ein Erfolg.
Die fehlende Anhängerkupplung
Am Tag vor der Übergabe bekam ich eine E-Mail.
Es gab leider ein Problem.
Die Anhängerkupplung könne noch nicht montiert werden. Sie sei noch nicht da.
Das Auto würde mir trotzdem ausgeliefert. Sobald die Anhängerkupplung eintreffe, würde man das Fahrzeug wieder bei mir abholen beziehungsweise tauschen, die Kupplung montieren und mir mein Auto anschließend zurückbringen.
Ich sollte also die ganze Zeit mobil bleiben.
Das war ein wirklich gutes Serviceversprechen.
Also wurde mir das neue Auto vor die Tür gestellt.
Ohne Anhängerkupplung.
Dachte ich.
Ein neues Dienstauto bleibt unter Kollegen natürlich nicht lange unbeobachtet. Also standen wir irgendwann gemeinsam darum herum.
Mein Kollege Sven kannte die Geschichte mit der fehlenden Anhängerkupplung. Er schaute in den Kofferraum.
Dann entdeckte er einen Schalter.
„Du hast doch hier den Schalter für die Anhängerkupplung.“
Das war interessant.
Denn eine Funktion zum Ausfahren einer nicht vorhandenen Anhängerkupplung wäre selbst für ein modernes Auto ungewöhnlich.
Wir drückten den Schalter.
Unter der hinteren Stoßstange bewegte sich etwas.
Dann erschien:
die Anhängerkupplung.
Wir standen daneben. Das Auto stand daneben. Und die Anhängerkupplung stand jetzt ebenfalls zur Verfügung.
Sie war offenbar während des gesamten Vorgangs nicht wirklich verschwunden gewesen.
Sie hatte sich lediglich unter der Stoßstange aufgehalten.
Am nächsten Tag informierte ich das Autohaus, dass die vermisste Anhängerkupplung inzwischen aufgetaucht sei. Man könne die zusätzlich bestellte vermutlich wieder zurückschicken.
Damit war das Problem gelöst.
Fast.
Denn ich begann darüber nachzudenken, welchen Weg diese Anhängerkupplung genommen hatte.
Ich hatte sie in die Bestellung geschrieben. Die Leasinggesellschaft hatte die Bestellung geprüft. Unser Fuhrparkmanagement hatte sie verarbeitet. Das Fahrzeug war gebaut worden. Der Händler hatte es bekommen.
Und irgendwann war offenbar zusätzlich eine Anhängerkupplung bestellt worden, obwohl bereits eine unter dem Fahrzeug hing.
Der Prozess hatte funktioniert.
Die Bestellung wurde erstellt. Sie wurde geprüft. Sie wurde weitergeleitet. Sie wurde ausgeführt.
Nur die Wirklichkeit hatte sich nicht vollständig daran beteiligt.
Das sollte mir mit diesem Auto später noch häufiger begegnen.
Mein früheres mobiles Büro
Vor dem Elektroauto fuhr ich meine beruflichen Kilometer überwiegend mit privaten Fahrzeugen.
Bei rund 3.500 Kilometern im Monat und den heutigen Kraftstoffpreisen war das finanziell nicht unbedingt eine jener Entscheidungen, für die man sich am Jahresende selbst einen Preis überreicht.
Für viele meiner beruflichen Fahrten benutzte ich mein Wohnmobil.
Das war gewissermaßen mein fahrbares Büro.
Ich hatte Platz. Ich konnte unterwegs arbeiten. Ich hatte alles dabei. Und wenn ein Arbeitstag etwas länger dauerte, befand sich hinter meinem Arbeitsplatz sogar ein Bett.
Das können die meisten Geschäftsstellen bis heute nicht bieten.
Das Wohnmobil hatte lediglich einen kleinen Nachteil: Es stand nicht vor meinem Haus, sondern ungefähr einen halben Kilometer entfernt in einer Halle.
Mein Arbeitstag begann deshalb häufig mit einem kleinen Ritual:
Zur Halle laufen. Tor öffnen. Wohnmobil herausfahren. Tor schließen. Losfahren.
Am Abend das Ganze in umgekehrter Reihenfolge.
Insgesamt gingen dabei jeden Tag ungefähr zwanzig Minuten verloren.
Wobei „verloren“ vielleicht das falsche Wort ist. Ich hatte Bewegung.

Andere Menschen kaufen sich Fitnessuhren, um sich daran erinnern zu lassen.
Ich hatte eine Halle.
An Tagen mit Besprechungen kam noch der E-Scooter hinzu. Ein Wohnmobil ist vieles. Parkhaustauglich gehört nicht unbedingt dazu.
Also Wohnmobil abstellen. E-Scooter auspacken. Zur Geschäftsstelle fahren. Besprechung. Zurückfahren. E-Scooter einpacken.
Mobilität war ein Prozess.
Dann bekam ich das Elektroauto.
Kein morgendlicher Spaziergang zur Halle. Keine Tore. Kein Wohnmobil herausfahren. Kein E-Scooter.
Einsteigen. Losfahren.
Großartig.
Ich hatte Zeit gewonnen.
Die moderne Technik hatte meinen Alltag effizienter gemacht.
Die gewonnene Zeit musste nur noch irgendwo hin.
Die Ladesäule erklärte sich bereit, sie aufzunehmen.
Einmal pro Woche
Mein Diesel hatte eine Eigenschaft, die ich damals kaum zu würdigen wusste:
Man tankte ihn.
Dann fuhr man.
Bei mir ungefähr eine Woche lang.
Irgendwann leuchtete eine Lampe. Man fuhr zur Tankstelle, stand dort einige Minuten und wiederholte den Vorgang.
Das war alles.
Mein Elektroauto hat dagegen eine theoretische Reichweite von ungefähr 400 Kilometern.
Das klingt ausgezeichnet.
Theoretisch.
Das Wort „theoretisch“ spielt bei Elektroautos allerdings eine ähnliche Rolle wie das Wort „Serviervorschlag“ auf Lebensmittelverpackungen.
Es beschreibt einen möglichen Zustand.
Nicht zwingend den, den man später erlebt.
Im Alltag fährt man den Akku nicht ständig ganz leer und lädt ihn auch nicht bei jeder Gelegenheit vollständig auf. Man entwickelt ziemlich schnell einen Bereich, in dem man sich wohlfühlt.
20 Prozent. 80 Prozent. Irgendwo dazwischen.
Bei meiner Fahrleistung bedeutet das:
Ich lade häufig.
Sehr häufig.
Manchmal täglich. An manchen Tagen zweimal.
Aus „Einmal pro Woche tanken“ wurde:
Wo bin ich? Wie viel Prozent habe ich? Wo muss ich nachher hin? Gibt es dort eine Ladesäule? Ist sie frei? Wie schnell lädt sie? Wie lange stehe ich dort? Und brauche ich heute Abend noch genug Strom für morgen früh?
Ich habe nicht einfach die Antriebsart gewechselt.
Ich habe ein neues Fachgebiet übernommen.
Energiemanagement.
Fahr bitte ordentlich
Das Auto selbst unterstützt mich dabei nach Kräften.
Überhaupt ist mein neues Fahrzeug sehr fürsorglich.
Frühere Autos hatten zu meinem Fahrstil eine vergleichsweise liberale Haltung. Solange ich Öl, Kühlwasser und gelegentlich Diesel nachfüllte, ließen sie mich weitgehend in Ruhe.
Mein neues Auto möchte dagegen an meinem Leben teilhaben.
Es erinnert mich ein wenig an eine übervorsorgliche Mutter.
Fahr bitte schön in der Mitte.
Nicht so nah an das andere Auto.
Da vorne ist ein Schild.
Die Ampel ist rot.
Jetzt ist sie grün.
Schau bitte auf die Straße.
Und nimm beide Hände ordentlich ans Lenkrad.
Ich weiß, dass es das gut meint.
Das macht es nicht weniger mitteilsam.
Besonders fürsorglich wird es auf langen geraden Strecken.
Zwanzig Kilometer geradeaus. Tempomat. Spurführung. Keine Kreuzung. Kein Drama.
Ich halte das Lenkrad entspannt.
Das Auto wird misstrauisch.
**Bitte Hände ans Lenkrad.**
Ich habe die Hände am Lenkrad.
Offenbar nicht überzeugend genug.
Also fasse ich etwas energischer zu. Damit ist das Auto zunächst beruhigt.
Einige Kilometer später möchte es erneut wissen, ob ich noch da bin.
Ich kann das verstehen.
Wir kennen uns schließlich erst seit August.
Vielleicht braucht Vertrauen einfach Zeit.
Vielleicht braucht Vertrauen einfach Zeit.
So fahren wir inzwischen gemeinsam durch Bayern.
Ich beobachte den Verkehr.
Das Auto beobachtet den Verkehr.
Und zusätzlich beobachtet das Auto mich.
Damit ist wenigstens sichergestellt, dass immer jemand aufpasst.
Die Klappe hinter der Klappe
Natürlich musste ich das Laden zunächst lernen.
Beim Verbrenner war der Vorgang überschaubar gewesen:
Tankdeckel öffnen. Zapfpistole hinein. Tanken.
Das Prinzip hatte ich über Jahrzehnte ausreichend trainiert.
Dann stand ich zum ersten Mal mit meinem neuen Elektroauto an einem Hypercharger.
Ich öffnete die Ladeklappe. Dort sah ich einen runden Anschluss.
Ich betrachtete den Stecker des Hyperchargers.
Der war deutlich größer.
Das passte nicht.
Ich bin technisch durchaus interessiert. Deshalb führte ich eine professionelle Fehleranalyse durch:
**Falscher Stecker.**
Ich schloss die Klappe wieder und fuhr weg.
Danach suchte ich im Fahrzeug nach einem Kabel. Vielleicht gab es einen Adapter. Vielleicht lag irgendwo unter dem Kofferraumboden ein entscheidendes Stück Elektromobilität.
Irgendwann kehrte ich zum Anschluss zurück.
Und entdeckte unterhalb des runden Anschlusses eine weitere kleine Abdeckung.
Man konnte sie öffnen.
Dahinter kamen zusätzliche Kontakte zum Vorschein.
Plötzlich passte der Stecker.
Ich hatte bei meiner ersten Begegnung mit einem Schnelllader also nicht am Ladesystem versagt.
Ich war an einer Klappe gescheitert.
Genauer gesagt:
an der Klappe hinter der Klappe.
Das ist vermutlich eine Art Aufnahmeprüfung für Elektromobilität.
Wer sie findet, darf weitermachen.
Kaffee gehört offenbar zum Ladetarif
Nachdem ich dieses Geheimnis entschlüsselt hatte, entwickelte sich schnell Routine.
Am Anfang fand ich die Ladepausen sogar ganz angenehm.
Man muss schließlich nicht untätig im Auto sitzen.
Also holte ich mir einen Kaffee. Im Sommer vielleicht ein Eis. Manchmal noch etwas Kleines dazu.
Das hatte etwas Entspanntes.
Andere Menschen hetzten über die Autobahn.
Ich lud.
Ich trank Kaffee.
Ich betrachtete mein Auto und wartete darauf, dass aus 43 Prozent irgendwann 80 wurden.
Elektromobilität konnte sehr zivilisiert sein.
Bis ich irgendwann anfing zu rechnen.
Ein Kaffee hier. Ein Eis dort. Vielleicht noch ein Getränk.
Und das Ganze nicht einmal pro Woche, sondern ziemlich regelmäßig.
Plötzlich entwickelte sich neben den Stromkosten eine zweite Position meiner persönlichen Elektromobilitätsabrechnung:
**Ladebegleitverpflegung.**
Das Auto fuhr elektrisch.
Der Fahrer wurde mit Kaffee betrieben.
Und dessen Energiekosten waren erstaunlich hoch.
Irgendwann stellte ich fest, dass ich vermutlich auch einfach weiterhin überteuerten Diesel hätte tanken können.
Dann hätte wenigstens nur das Fahrzeug einen hohen Verbrauch gehabt.
Der Ladepark ohne Strom
Mit der Zeit entwickelte ich bevorzugte Ladesäulen.
Der Mensch ist ein Gewohnheitstier.
Auch der elektrische Mensch.
Eine meiner Säulen liegt günstig auf meinen üblichen Strecken. Ich kenne sie. Das Auto kennt sie.
Wir haben eine Beziehung aufgebaut.
Eines Tages fuhr ich hin. Parkte. Steckte den Charger ein.
Und es geschah:
nichts.
Noch einmal.
Nichts.
Schließlich stellte sich heraus:
Die gesamte Anlage war stromlos.
Eine Ladesäule ohne Strom ist ein faszinierendes Konzept.
Sie steht da. Sie besitzt Kabel. Sie hat Displays. Sie sieht aus wie eine Ladesäule.
Nur laden kann man dort nicht.
Das ist für einen Ladepark eine gewisse Einschränkung.
Ungefähr so, als würde man an einer Tankstelle erfahren, dass man leider gerade keine Flüssigkeiten führe.
Also musste ich weiter.
Die nächste geeignete Möglichkeit lag ungefähr zehn Kilometer entfernt.
Dort gab es Schnelllader.
Und ein Schnellrestaurant.
Ich fuhr hin. Lud das Auto.
Und weil ich nun einmal dort war …
Ladebegleitverpflegung.
Das System hatte mich wieder.
Mein neues Büro hat eine Heckklappe
Nicht jede Ladesäule besitzt ein Schnellrestaurant.
Manche stehen einfach irgendwo.
Dort gibt es Strom. Das ist im engeren Sinne vollkommen ausreichend.
Nur muss ich während der Ladezeit trotzdem irgendwo bleiben.
Und gelegentlich arbeiten.
Also sitze ich inzwischen manchmal im Kofferraum.
Das ist insofern bemerkenswert, weil ich wenige Monate zuvor noch ein komplettes Wohnmobil als mobiles Büro benutzt hatte.
Dort hatte ich einen Tisch. Sitzgelegenheiten. Stauraum. Strom. Kühlschrank.
Und ein Bett.
Heute öffne ich die Heckklappe meines Elektroautos, setze mich hinten hinein und hole den Laptop heraus.
Fortschritt bedeutet manchmal vor allem, dass dieselbe Idee weniger Platz benötigt.
Mein mobiles Büro wurde vom Wohnmobil auf einen Kofferraum reduziert.
**Lean Management.**
Andere Unternehmen engagieren dafür Berater.
Der elektrische Stammtisch
Was ich ebenfalls nicht erwartet hatte:
Ladesäulen sind kommunikative Orte.
Beim Tanken spricht man eher selten miteinander.
Niemand steht an Zapfsäule sieben und ruft zu Zapfsäule acht:
„Und? Was braucht deiner so bei Regen?“
An Ladesäulen passiert so etwas.
Dort stehen Menschen eine Weile nebeneinander. Und Menschen, die nebeneinander warten, beginnen irgendwann zu reden.
Über Autos. Reichweite. Ladegeschwindigkeit. Apps. Preise. Verbrauch.
Neulich ging es um Regen.
Bei Regen steigt der Verbrauch.
Schon waren wir bei nassen Fahrbahnen, Widerständen und der Frage, woher der Mehrverbrauch eigentlich kommt.
Von dort gelangten wir zum Winter.
Was macht die Batterie bei Kälte? Was braucht die Heizung? Wie verändert sich die Reichweite? Wie schnell lädt das Auto?
Wir standen dort mit unseren Kabeln und diskutierten Energiefragen.
Früher trafen sich Männer vielleicht am Stammtisch.
Heute treffen sie sich am Hypercharger und betreiben angewandte Physik.
Ob alles davon wissenschaftlich belastbar ist, weiß ich nicht.
Aber es verkürzt die Ladezeit erheblich.
Die Kühlbox
Inzwischen habe ich mein Fahrzeug weiter optimiert.
Nicht technisch.
Versorgungstechnisch.
Ich besitze jetzt eine Kühlbox.
Im Sommer kommen Getränke hinein. Vielleicht etwas zu essen.
Damit kann ich auch einsame Ladesäulen anfahren, ohne vorher prüfen zu müssen, ob sich im Umkreis von hundert Metern ein Kaffeevollautomat befindet.
Am Anfang besaß ich ein Elektroauto.
Dann brauchte ich Lade-Apps.
Dann begann ich meine Touren nach Lademöglichkeiten zu planen.
Dann optimierte ich meine Arbeitsplätze entlang der Route.
Schließlich kaufte ich eine Kühlbox.
Wenn diese Entwicklung anhält, fehlt eigentlich nicht mehr viel.
Ein kleiner Tisch wäre praktisch. Eine bequemere Sitzmöglichkeit. Etwas Stauraum. Vielleicht eine Möglichkeit, Kaffee zu kochen.
Und wenn der Arbeitstag länger dauert, wäre ein Bett nicht schlecht.
Dann hätte ich endlich wieder das perfekte Fahrzeug für meinen Arbeitsalltag.
Ein Wohnmobil.
Der Winter kommt
Nachdem ich mich an das Laden gewöhnt, die zweite Klappe entdeckt und meine mobile Versorgung optimiert hatte, kam der Herbst.
Und mit ihm eine Frage:
Winterreifen.
Ich war davon ausgegangen, dass irgendwann Winterräder bei mir auftauchen würden.
Warum ich davon ausging, weiß ich nicht mehr genau.
Vermutlich, weil das Auto auch irgendwann bei mir aufgetaucht war.
Als sich der Winter näherte und die Reifen weiterhin nicht erschienen, fragte ich bei Leasinggesellschaft und Fuhrparkmanagement nach.
Die Antwort war erfreulich unkompliziert:
Ich könne selbstständig zu einem Partner der Leasinggesellschaft fahren und mir dort Reifen und Felgen aussuchen.
Sehr schön.
Also fuhr ich zu einem Reifenhändler.
Ich war vorbereitet.
Ich hatte meinen Fahrzeugschein dabei.
Man lernt schließlich.
Kaktus Grey
Mein Auto hat eine Farbe.
Der Hersteller nennt sie:
**Kaktus Grey.**
Ich würde sie ebenfalls ungefähr im Bereich Grau einordnen.
Der Mitarbeiter des Reifenhändlers nahm meinen Fahrzeugschein.
Dann sah er nach draußen.
„Ist das der Grüne da draußen?“
Ich schaute ebenfalls hinaus.
Dort stand mein Auto.
Kaktus Grey.
Ich hätte es weiterhin als grau bezeichnet.
Vielleicht ein Grau mit einer gewissen farblichen Ambition.
Aber grau.
„Wenn Sie den meinen – ja.“
Er sah wieder in den Fahrzeugschein.
Dann sagte er vollkommen trocken:
„Hier steht grün.“
Damit war die Angelegenheit geklärt.
Ich besitze also seit August ein kaktusgraues grünes Auto.
Das ist eine Information, die ich ohne deutsche Fahrzeugdokumente vermutlich niemals erhalten hätte.
Ich widersprach nicht.
Der Mann hatte schließlich einen Fahrzeugschein.
Ich lediglich Augen.
Sie können sich die Räder aussuchen
Nun kamen wir zu den Winterrädern.
Ich erklärte, dass ich von der Leasinggesellschaft geschickt worden sei und mir Reifen und Felgen aussuchen könne.
Das stimmte.
Im Prinzip.
Denn der Reifenhändler erklärte mir, dass „aussuchen“ in diesem Zusammenhang nicht zwingend dieselbe Bedeutung habe wie im normalen Sprachgebrauch.
Auch er ist schließlich ein Wirtschaftsunternehmen. Für Reifen und Felgen bekommt er bestimmte Pauschalen.
Ich durfte mir also Winterräder aussuchen.
Aus dem Bereich der Winterräder, die wirtschaftlich sinnvollerweise ausgesucht werden sollten.
Das fand ich fair.
Leider hatte mein Auto noch eine eigene Meinung.
Mein Fahrzeug fährt nämlich vorne und hinten unterschiedliche Reifengrößen.
Nun brauchten wir Felgen. Dazu passende Reifen. Vorne in einer Größe. Hinten in einer anderen. Das Ganze als zulässige Kombination für genau dieses Fahrzeug.
Und möglichst innerhalb der wirtschaftlichen Vorstellungen der Leasinggesellschaft.
Aus dem einfachen Satz „Fahren Sie zu einem Partner und suchen Sie sich dort Reifen und Felgen aus“ war innerhalb weniger Minuten ein kleines Beschaffungsprojekt geworden.
Der Mitarbeiter suchte. Prüfte. Verglich.
Dann erklärte er, dass er das erst einmal klären müsse.
Er würde mich anrufen.
Damit verließ ich den Reifenhändler.
Ohne Reifen.
Ohne Felgen.
Aber mit einer wichtigen neuen Erkenntnis über die Farbe meines Autos.
Seitdem warte ich.
Das Auto ebenfalls.
Der Winter vermutlich nicht.
Mein zweites Hobby
Und trotzdem:
Ich mag dieses Auto.
Es fährt hervorragend. Es ist angenehm. Leise. Schnell.
Es hält Abstand. Es erkennt Schilder und Ampeln. Es achtet darauf, dass ich in meiner Spur bleibe.
Es erinnert mich daran, auf die Straße zu schauen.
Es fragt gelegentlich nach, ob ich das Lenkrad auch wirklich ernsthaft festhalte.
Es besitzt eine Anhängerkupplung, die zeitweise als vermisst galt.
Es hat eine Ladeklappe mit einer weiteren Klappe dahinter.
Es ist laut Hersteller grau und laut Fahrzeugschein grün.
Und irgendwann bekommt es vermutlich sogar Winterreifen.
Ich selbst habe mich ebenfalls weiterentwickelt.
Ich kenne inzwischen Hypercharger.
Ich plane meine Arbeitstage nach Lademöglichkeiten.
Ich kenne Restaurants, in denen man während des Ladens arbeiten kann.
Ich habe gelernt, dass ein täglicher Kaffee die Wirtschaftlichkeit elektrischer Mobilität auf überraschende Weise beeinflussen kann.
Ich besitze eine Kühlbox.
Ich habe an Ladesäulen mit fremden Menschen über Regen, Batterietemperaturen und Winterreichweiten gesprochen.
Und manchmal sitze ich mit meinem Laptop im Kofferraum.
Dabei hatte alles damit angefangen, dass ich kein Wohnmobil mehr aus einer Halle holen wollte.
Früher bestand mein tägliches Mobilitätsritual aus Halle, Tor und E-Scooter.
Heute besteht es aus Ladekabel, App, Prozentanzeige, Kühlbox und gelegentlichen Gesprächen über die Farbe meines eigenen Autos.
Die zwanzig Minuten sind nicht verschwunden.
**Sie wurden elektrifiziert.**
Und wenn mich heute jemand fragt, was ich in meiner Freizeit mache, muss ich nicht lange überlegen.
Ich arbeite.
Ich gehe mit dem Hund.
Ich fotografiere.
Und seit August habe ich noch ein Hobby.
Ich stehe an Ladesäulen.
Manchmal sogar zweimal am Tag.
Aber immerhin muss ich dafür kein Tor mehr aufmachen.
Und falls jemand wissen möchte, welches Auto dort lädt:
Der grüne.
Also der graue.
Kaktus Grey.
Steht so im Prospekt.
Im Fahrzeugschein steht grün.
Und über die Winterreifen reden wir später.
Der Winter kommt ja erst.
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