Busfahrer blickt nachdenklich aus dem Fenster seines Reisebusses auf einen ICE, der über eine Brücke fährt

Nachtrag: Gedanken eines Reiseveranstalters

Aus der Reihe „Der Reiseveranstalter – unterwegs mit ungewissem Ziel“ · Folge 2 – zuvor: All inclusive – Eine Reise mit ungewisser Teilnehmerzahl

Neulich saß ich wieder in meinem Reisebus und betrachtete nachdenklich die Straße vor mir.

Meine einzige Reiseteilnehmerin saß ebenfalls im Bus. Das war zunächst beruhigend, schließlich hatte sie die Reise weder storniert noch ausdrücklich um eine Rückfahrkarte gebeten.

Allerdings war mir inzwischen aufgefallen, dass wir offenbar unterschiedliche Vorstellungen von unserer Reiseroute hatten.

Während ich gelegentlich nach dem nächsten gemeinsamen Ziel fragte, schien meine Mitreisende noch darüber nachzudenken, ob wir überhaupt schon losgefahren waren.

Vielleicht saßen wir auch beide längst im selben Bus, warteten aber darauf, dass der andere endlich sagte, wohin die Reise eigentlich gehen sollte.

Ich betrachtete den Fahrplan.

Er war ausgesprochen übersichtlich.

Ich hatte ihn schließlich selbst geschrieben.

Plötzlich kam mir ein Gedanke.

Vielleicht sollte ich einfach auf die Deutsche Bahn umsteigen.

Ich hatte durchaus Erfahrungen mit diesem Unternehmen gesammelt. Nicht ausschließlich positive, versteht sich.

Züge fielen aus, Anschlüsse wurden verpasst, Fahrpläne kurzfristig geändert und gelegentlich verschwand ein kompletter Zug aus der elektronischen Anzeigetafel, als hätte es ihn nie gegeben.

Aber immerhin hatte dieses Unternehmen einen entscheidenden Vorteil.

Es kommunizierte.

Nicht immer rechtzeitig. Nicht immer verständlich. Und gelegentlich auch vollkommen falsch.

Aber es kommunizierte.

Wenn eine Verbindung ausfiel, wurde das meistens irgendwann bekannt gegeben. Wenn sich die Abfahrt verzögerte, erschien zumindest eine ungefähre Zeitangabe.

Und selbst die berühmte Durchsage „Aufgrund von Verzögerungen im Betriebsablauf“ hatte einen gewissen Informationswert.

Man wusste wenigstens, dass irgendwo irgendetwas nicht funktionierte.

Ich begann ernsthaft darüber nachzudenken, meinen Reisebus gegen eine BahnCard einzutauschen.

Vielleicht sogar erste Klasse.

Dort hätte ich wenigstens einen reservierten Sitzplatz, auch wenn gelegentlich der Wagen fehlte, in dem er sich befinden sollte.

Ich stellte mir vor, wie ich entspannt am Bahnsteig stand und eine freundliche Stimme verkündete:

„Sehr geehrter Fahrgast, Ihre Verbindung verspätet sich auf unbestimmte Zeit.“

Was für eine Wohltat.

Eine offizielle Bestätigung der Ungewissheit.

Ich musste lächeln.

Dann sah ich in den Rückspiegel.

Meine Reisebegleitung saß noch immer da.

Vielleicht dachte sie gerade über das nächste Reiseziel nach. Vielleicht genoss sie einfach die Aussicht. Vielleicht fragte sie sich auch, weshalb der Fahrer seit geraumer Zeit so merkwürdig vor sich hin grinste.

Ich legte den Fahrplan beiseite.

Die BahnCard konnte warten.

Schließlich war unser Bus noch nicht einmal liegen geblieben.

Und vielleicht wäre es irgendwann auch ganz interessant zu erfahren, wohin meine Mitreisende eigentlich wollte.

Bis dahin beschloss ich, wenigstens nicht mehr ständig die nächste Sehenswürdigkeit anzukündigen.

Manchmal soll es ja durchaus genügen, einfach gemeinsam aus dem Fenster zu schauen.


Die Bahn ganz real erlebt: Beobachtungen eines Mannes, der nur nach Hause wollte

© 2026 Wolfgang Kohlschütter · eswolferl.de

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