Harry – Der König vom Balkon | Larsson und das Regenbogenland – Geschichte 2
Eine Geschichte aus „Larsson und das Regenbogenland“ – Geschichte 2
Ein König ohne Königreich
Harry hatte ein Problem. Ein ziemlich großes sogar. Und das war bemerkenswert, denn Harry selbst war ausgesprochen klein.
Er stand auf einer Anhöhe mitten im Regenbogenland, blickte über grüne Wiesen, blühende Täler und einen Wald, der sich bis zu den fernen Bergen erstreckte, und schüttelte missbilligend den Kopf.
„Also, das geht überhaupt nicht.“
Ein Schmetterling flatterte vorbei. Harry knurrte. Nicht, weil er etwas gegen Schmetterlinge hatte. Aber irgendjemand musste schließlich für Ordnung sorgen.
„Keine Zäune“, murmelte er. „Keine Gartentore. Keine vernünftigen Grundstücksgrenzen. Und weit und breit kein Balkon!“
Er setzte sich ins Gras. Das war ihm auch noch nicht geheuer. Es war weich, warm und roch wunderbar nach Sommer. Seine Beine fühlten sich kräftig an, sein Rücken tat nicht weh, und selbst das Aufstehen gelang ihm wieder mit einer Leichtigkeit, die er schon beinahe vergessen hatte.
Eigentlich hätte er glücklich sein müssen. Aber Harry war nicht irgendein Hund. Harry war Terrier. Und ein Terrier ohne Aufgabe war ungefähr so zufrieden wie eine Katze vor einem leeren Futternapf.
„Hier muss dringend jemand die Verantwortung übernehmen“, beschloss er.
Eine bekannte Stimme
„Harry?“
Die Stimme kam von hinter ihm.
Harry drehte sich um. Ein großer, blonder Labrador lag unter einem Baum und betrachtete ihn mit diesem Gesichtsausdruck, den Harry schon zu Lebzeiten unerträglich gefunden hatte. Dieser Ausdruck sagte ungefähr: Ich habe keine Ahnung, warum du dich aufregst, aber ich bin sicher, dass es nicht besonders wichtig ist.
„Larsson!“, rief Harry.
Für einen winzigen Moment vergaß er seine Würde und rannte los. Larsson erhob sich, und die beiden begrüßten sich auf die Weise, die sie seit vielen Jahren kannten.
Erst wurde geschnuppert. Dann gebellt. Dann noch einmal geschnuppert. Und schließlich standen sie nebeneinander, als hätten sie sich erst gestern auf ihrem alten Spazierweg getroffen.
„Du bist aber spät dran“, bemerkte Larsson.
Harry schnaubte. „Irgendeiner musste unten schließlich noch die Stellung halten!“
„Und? Hat es funktioniert?“
„Natürlich. Solange ich da war, wusste jeder, wer hier das Sagen hatte.“
Larsson erinnerte sich an den kleinen Terrier, der früher regelmäßig auf seinem Balkon gestanden und die vorbeiziehende Welt kommentiert hatte. Besonders gerne hatte Harry Larsson kommentiert. Meistens lautstark. Und meistens völlig ungefragt.
„Ich habe dein Gebell manchmal vermisst“, sagte Larsson.
Harry sah ihn misstrauisch an. „Manchmal?“
„Na ja. Nicht immer.“

Die Sache mit dem Fußball
Sie machten sich gemeinsam auf den Weg.
Harry erzählte von seinen letzten Jahren auf der Erde. Von den Spaziergängen, von seiner Familie und davon, dass er sich auch dann nicht hatte unterkriegen lassen, als das Laufen schwerer geworden war.
„Mich hat schon ganz anderes nicht aufgehalten“, erklärte er stolz.
Larsson glaubte ihm jedes Wort.
Nach einer Weile kamen sie an einen schmalen Weg zwischen zwei Wiesen.
„Weißt du noch, Larsson? Unsere Menschen. Wenn die sich beim Spazierengehen getroffen haben.“
„Ach, du meinst die Fußballgespräche.“
Harry stöhnte. „Genau die!“
Er erinnerte sich an Georg, seinen Menschen. Georg war schon älter gewesen, aber er hatte sich nicht davon abhalten lassen, regelmäßig seine Runden zu drehen. Mit seinen beiden Walkingstöcken war er unterwegs gewesen, Schritt für Schritt, und Harry hatte ihn begleitet.
Manchmal waren sie Larsson und dessen Menschen begegnet. Dann hatten die beiden Männer einander begrüßt. Zunächst ging es um das Wetter. Dann um die Gesundheit. Und irgendwann fiel unweigerlich der Name eines Fußballvereins.
„Der Club“, sagte Harry mit bedeutungsschwerer Stimme.
Larsson nickte. „Der 1. FC Nürnberg.“
„Und dann ging es los!“, rief Harry. „Aufstellungen! Schiedsrichter! Vergebene Chancen! Ich hätte in der Zeit dreimal das ganze Dorf umrunden können!“
„Mindestens“, bestätigte Larsson.
„Und nach jedem schlechten Spiel haben sie gesagt, beim nächsten wird alles besser.“
„Wurde es besser?“
Harry überlegte. „Nicht oft genug, sonst hätten sie nicht so viel darüber reden müssen.“
Larsson lachte. Harry lächelte ebenfalls.
Er dachte an Georg. An seine ruhige Stimme, seine Spaziergänge und die vielen gemeinsamen Jahre.
Dann wurde er einen Augenblick still. „Er war ein guter Mensch, mein Georg.“
„Das weiß ich“, antwortete Larsson.
„Ich frage mich, wo er jetzt ist.“
Larsson schwieg einen Moment. „Vielleicht finden wir das eines Tages heraus.“
Harry nickte. Dann fiel ihm noch etwas ein.
„Sag mal, Larsson. Was ist eigentlich aus dem schwarzen Kerl geworden? Dem Großen, der nach dir gekommen ist?“
„Ivan?“
„Genau der! Mit dem war nicht gut Kirschen essen.“
„Du warst aber auch nicht gerade begeistert von ihm“, erwiderte Larsson.
„Natürlich nicht! Der kam daher, als würde ihm die ganze Straße gehören!“
„Harry“, sagte Larsson, „das hast du doch selbst immer gedacht.“
Harry schwieg kurz. „Das ist etwas völlig anderes.“
„Und wer hatte das Sagen?“, fragte Larsson schmunzelnd.
„Na ja. Wir waren uns da nicht ganz einig.“
Harry blickte über die Wiesen. „Georg hat Ivan auch noch kennengelernt. Und später hat seine Familie gut auf mich aufgepasst.“
Larsson rückte ein wenig näher. „Das ist schön, Harry.“
„Natürlich. Ich hatte schließlich noch einiges zu erledigen.“
„Zum Beispiel?“
„Aufpassen!“

Das Geheimnis am Waldrand
Plötzlich entdeckte Harry etwas.
Am Rand des Waldes bewegte sich ein Schatten. Zwischen den Bäumen war eine dunkle Gestalt zu erkennen, die hinter einem großen Felsen verschwand.
„Larsson! Da hinten!“
„Wahrscheinlich ein anderes Tier“, meinte Larsson.
Harry sah ihn entsetzt an. „Natürlich ist es ein anderes Tier! Glaubst du, ich halte es für einen wandernden Baum? Aber warum schleicht es dort herum?“
„Vielleicht geht es spazieren.“
„Larsson, du hast überhaupt keinen kriminalistischen Instinkt.“
Damit war die Sache entschieden. Harry würde ermitteln. Und Larsson würde mitkommen. Ob er wollte oder nicht.

Zwei Detektive auf vier Pfoten
Der Weg führte durch einen Wald, in dem die Bäume so hoch waren, dass ihre Kronen den Himmel beinahe verdeckten. Zwischen den Wurzeln wuchsen blaue Blumen. Kleine Bäche plätscherten über glatte Steine, und irgendwo klopfte ein Specht gegen einen Baum.
Harry lief voraus, die Nase dicht über dem Boden. Larsson folgte in gemütlichem Abstand.
„Harry, wir könnten auch einfach fragen, wer da unterwegs ist.“
„Ein guter Detektiv verrät sich nicht!“
„Wir sind aber keine Detektive.“
Harry blieb stehen. „Ich schon.“
Wenig später fanden sie große Pfotenabdrücke im weichen Boden. Daneben lagen mehrere abgebrochene Zweige.
„Aha!“, rief Harry. „Hier ist jemand entlanggekommen.“
Larsson betrachtete die Abdrücke. „Das hatte ich fast vermutet.“
Sie folgten der Spur bis zu einer kleinen Schlucht. Ein schmaler Bach floss zwischen moosbewachsenen Felsen hindurch. Darüber lag ein umgestürzter Baumstamm.
Auf der anderen Seite stand ein großer, dunkler Hund. Er hatte struppiges Fell, eine breite Brust und einen Gesichtsausdruck, der wenig Begeisterung über Besucher verriet.
„Was wollt ihr?“, fragte er.
Harry richtete sich zu seiner vollen Größe auf. Das machte ungefähr dreißig Zentimeter Eindruck.
„Harry. Zuständig für die Sicherheit dieser Gegend.“
Der fremde Hund blickte ihn an. Dann Larsson. Dann wieder Harry.
„Aha.“
„Und wer bist du?“
„Bruno.“
„Was machst du hier, Bruno?“
„Wohnen.“
„Ganz allein?“
„Bis eben.“
Larsson musste sich sehr beherrschen, um nicht zu lachen.
Der gefährliche Fremde
Harry war noch nicht überzeugt.
„Warum schleichst du jeden Abend am Waldrand herum?“
Bruno runzelte die Stirn. „Ich schleiche nicht. Ich gehe.“
„Und warum immer zur gleichen Zeit?“
„Weil ich dann Lust dazu habe.“
„Und die abgebrochenen Zweige?“
Bruno betrachtete seine großen Pfoten. „Ich bin ziemlich breit.“
Larsson setzte sich. „Harry, ich glaube, wir haben den Fall gelöst.“
Aber Harry hörte nicht zu. Sein Blick war auf etwas hinter Bruno gefallen.
Zwischen zwei Felsen lag eine kleine, verborgene Wiese. Dort wuchsen die schönsten Blumen, die Harry je gesehen hatte. Ein schmaler Wasserfall fiel in einen klaren Teich, und auf einem warmen Stein schlief eine rotbraune Katze.
„Was ist das denn?“, fragte Harry.
„Mein Lieblingsplatz“, antwortete Bruno.
„Und warum versteckst du ihn?“
„Ich verstecke ihn nicht. Es kommt nur selten jemand vorbei.“
Die Katze öffnete ein Auge. „Und das war bisher sehr angenehm.“
Harry schnappte empört nach Luft. Larsson lächelte. Offenbar gab es im Regenbogenland noch andere Tiere, die ihre Ruhe zu schätzen wussten.
Ein unerwartetes Angebot
Bruno führte die beiden über den Baumstamm.
Harry überquerte ihn mit der Entschlossenheit eines Bergsteigers, der gerade den höchsten Gipfel der Welt bezwang. Larsson ging einfach hinterher.
Auf der kleinen Wiese duftete es nach wilden Kräutern. Das Wasser war kühl und klar, und hinter dem Wasserfall schimmerte der Eingang einer Höhle.
Harry entdeckte ihn sofort.
„Was ist da drin?“
„Weiß ich nicht“, antwortete Bruno.
„Du wohnst hier und weißt nicht, was hinter diesem Wasserfall liegt? Und du hast nie nachgesehen?“
„Nein.“
Harry wandte sich an Larsson. „Siehst du? Genau deshalb braucht dieses Land jemanden wie mich!“
Die rotbraune Katze gähnte. „Oder jemanden, der weiß, wann man seine Nase aus fremden Angelegenheiten heraushalten sollte.“
Harry wollte gerade etwas erwidern.
Doch dann hörten sie es.
Ein leises Geräusch. Es kam aus der Höhle.
Drei kurze Töne. Eine Pause. Dann wieder drei.
Larsson spitzte die Ohren. Bruno stand auf. Sogar die Katze hob jetzt den Kopf.
„Das“, sagte Bruno langsam, „habe ich noch nie gehört.“
Harrys Augen begannen zu leuchten.
Endlich. Ein richtiger Fall.
Der König vom Hügel
Als die Sonne langsam hinter den Bergen verschwand, kehrten Larsson und Harry aus dem Wald zurück.
Sie hatten beschlossen, die Höhle am nächsten Morgen genauer zu untersuchen. Bruno würde mitkommen. Die Katze hatte erklärt, dass sie grundsätzlich nicht an sinnlosen Unternehmungen teilnehme. Allerdings hatte sie wissen wollen, wann es losging.
Harry war zufrieden. Er hatte einen verdächtigen Fremden untersucht, eine geheime Wiese entdeckt und ein rätselhaftes Geräusch aufgespürt. Und ganz nebenbei hatte er zwei neue Bekanntschaften gemacht.
Als sie wieder die Anhöhe erreichten, blieb Harry stehen.
Von hier oben konnte man den Wald sehen, die Wiesen, den Fluss und weit dahinter die schimmernden Berge.
„Weißt du was, Larsson? Ich glaube, ich bleibe hier.“
„Auf diesem Hügel? Warum?“
Harry setzte sich aufrecht hin. „Von hier habe ich alles im Blick.“
Larsson betrachtete seinen kleinen Freund. „Du meinst, du hast deinen neuen Balkon gefunden?“
Harry überlegte. „So könnte man es nennen.“
Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander. Der Abendwind strich durch das Gras.
Harry dachte an Georg. An seine Familie. An die vielen Spaziergänge. Und daran, wie oft er sich im Leben wieder hatte aufrappeln müssen.
Hier tat ihm nichts mehr weh. Hier konnte er laufen, so weit er wollte. Und hier gab es offenbar eine Menge zu tun.
„Larsson?“
„Ja, Harry?“
„Früher hatte ich einen Balkon und eine Straße, auf die ich aufpassen musste.“
„Und jetzt?“
Harry richtete sich stolz auf. „Jetzt habe ich ein ganzes Regenbogenland.“
Larsson schmunzelte. „Die armen Bewohner.“
Harry bellte empört. Und irgendwo hinter den Bergen begann ein neues Abenteuer.
„Morgen früh“, erklärte Harry. „Sonnenaufgang. Wir gehen zur Höhle. Und sei pünktlich!“
„Natürlich, Harry.“
Harry bellte dreimal kräftig in den Abendhimmel. Von irgendwoher antwortete ein anderer Hund.
Harry nickte zufrieden. „Na also. Funktioniert doch.“
Larsson legte sich ins weiche Gras. Er wusste, dass das Regenbogenland mit Harry ganz bestimmt nicht langweiliger werden würde.
Und irgendwo hinter dem Wasserfall erklangen erneut drei geheimnisvolle Töne.
Aber davon ahnten die beiden noch nichts.
Fortsetzung folgt …
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