Der Hund, der schon wartete – Larsson und das Regenbogenland, Geschichte 1
Geschichte 1 aus „Larsson und das Regenbogenland“

Larsson hatte keine Ahnung, wie lange er schon unterwegs war.
Eigentlich war das auch nicht besonders wichtig. Zeit hatte für einen Labrador ohnehin eine recht überschaubare Bedeutung. Es gab die Zeit vor dem Fressen, die Zeit nach dem Fressen und jene unerfreulichen Minuten, in denen der Mensch behauptete, man müsse jetzt wirklich nach Hause.
Aber hier war alles anders.
Der Weg unter seinen Pfoten fühlte sich weich und warm an. Links und rechts wuchsen Blumen, deren Duft er noch nie gerochen hatte. Und irgendwo in der Ferne rauschte Wasser.
Larsson blieb stehen.
Er schnupperte.
Dann schnupperte er noch einmal.
Irgendetwas fehlte.
Er drehte den Kopf und sah zurück. Der Weg hinter ihm verschwand in einem sanften, goldenen Licht.
Sein Mensch war nicht da.
Das war ungewöhnlich. Schließlich hatten sie bisher die meisten Wege gemeinsam zurückgelegt. Und wenn sie einmal getrennte Wege gegangen waren, hatte Larsson ziemlich genau gewusst, wo er warten musste.
Hier wusste er es nicht.

„Du kannst ruhig weitergehen.“
Larsson fuhr herum.
Ein schwarzer Labrador saß ein paar Schritte entfernt auf einer kleinen Anhöhe. Er war kräftig gebaut, hatte freundliche Augen und wirkte so gelassen, als würde er dort schon seit einer halben Ewigkeit sitzen.
Was möglicherweise sogar stimmte.
„Wer bist du?“, fragte Larsson.
„Ralphie.“
„Kenne ich dich?“
„Nein.“
Larsson überlegte.
Das war immerhin eine ehrliche Antwort.
„Warum wartest du dann hier?“
Ralphie stand auf, streckte sich ausgiebig und kam langsam näher.
„Weil ich dich abholen soll.“
„Von wem?“
„Das ist eine längere Geschichte.“
Larsson setzte sich.
Längere Geschichten waren in Ordnung, solange man dabei sitzen durfte.
Ralphie betrachtete ihn eine Weile.
„Du kommst von einem Menschen, den ich sehr gut kenne.“
Larsson hob den Kopf.
„Meinem Menschen?“
„Genau dem.“
„Woher kennst du ihn?“
Ralphie lächelte auf jene besondere Weise, die Hunde beherrschen, ohne dabei auch nur einen einzigen Gesichtsmuskel zu verschwenden.
„Ich war vor dir da. Sehr lange vor dir. Damals war er noch ein Junge.“
Larsson schaute ihn überrascht an.
Sein Mensch? Ein Junge?
Das musste ein Irrtum sein.
Sein Mensch war doch schon immer groß gewesen. Manchmal etwas langsam beim Aufstehen, gelegentlich unverständlich in seinen Entscheidungen, aber grundsätzlich ein brauchbarer Begleiter.
„Er war wirklich einmal klein?“
„Allerdings.“
„Und konnte er damals schon Türen öffnen?“
„Ja.“
„Gut“, sagte Larsson. „Dann war er wenigstens damals schon zu etwas nütze.“
Ralphie lachte.
Und plötzlich war die fremde Welt nicht mehr ganz so fremd.
Eine Weile standen sie nebeneinander und blickten über die sanften Hügel. Hinter ihnen spannte sich ein Regenbogen über den Himmel, so groß, dass Larsson sich fragte, ob man wohl bis ganz nach oben laufen konnte.
„Vermisst du ihn?“, fragte Ralphie schließlich.
Larsson sah zu Boden.
„Ja.“
Ralphie nickte.
„Ich auch. Manchmal.“
„Wird er uns finden?“
„Eines Tages bestimmt. Aber bis dahin hat er noch einiges vor.“
Larsson dachte darüber nach.
Das klang vernünftig. Sein Mensch hatte schließlich ständig irgendetwas vor. Meistens wusste Larsson nicht genau, was es war, aber häufig endete es mit einer Autofahrt.
„Und was machen wir jetzt?“
Ralphie wandte sich dem Weg zu.
„Ich zeige dir unser Zuhause. Es gibt hier Wälder, Wiesen, einen See und jede Menge andere Tiere.“
Larssons Ohren stellten sich auf.
„Einen See?“
„Einen ziemlich großen sogar.“
„Darf man hinein?“
„Natürlich.“
„Auch wenn man gerade erst angekommen ist?“
„Gerade dann.“
Larsson stand auf.
Plötzlich hatte er es eilig.
Ralphie setzte sich langsam in Bewegung. Nach wenigen Schritten bemerkte er, dass Larsson nicht mehr neben ihm lief.
Er drehte sich um.
Der blonde Labrador stand noch immer an derselben Stelle.
„Was ist?“
„Eine Frage habe ich noch.“
„Welche?“
Larsson sah ihn ernst an.
„Gibt es hier auch etwas zu fressen?“
Ralphie schloss kurz die Augen.
Dann lachte er so herzlich, dass ein paar Vögel aus dem nahen Gebüsch aufflogen.
„Larsson“, sagte er, „ich glaube, wir werden uns ausgezeichnet verstehen.“
Und gemeinsam liefen sie los.

Der schwarze Labrador, der den Menschen als Jungen gekannt hatte.
Und der blonde Labrador, der ihn viele Jahre später durchs Leben begleitet hatte.
Zwei Hunde, zwei verschiedene Zeiten.
Und eine Freundschaft, die gerade erst begann.
Eine frei erfundene Geschichte, inspiriert von wirklichen Hunden und gemeinsamen Erinnerungen.
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