25 Jahre mit einer Insel
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Thassos —
25 Jahre mit einer Insel
Ein Geheimtipp aus einem fränkischen Griechenlokal. Ein Supermarktbesitzer der meinen Sohn nach einem Jahr beim Namen kennt. Und eine Insel, die ich immer noch liebe — obwohl sie nicht mehr dieselbe ist.
Es war ein ganz normaler Abend in Schnaittach. Wir saßen bei unserem Lieblingsgriechen, die Kinder spielten zusammen, und der Wirt — ein Mann aus Alexandroupoli, nicht weit von Thassos — lehnte sich irgendwann über den Tisch und sagte: „Wolfgang, du musst nach Thassos fahren. Noch kennt die Insel kaum jemand.“
Das war 1998, vielleicht auch schon Frühjahr 1999. Ich weiß nicht mehr genau. Was ich weiß: Wir haben auf ihn gehört. Und dieser eine Tipp aus einem fränkischen Griechenlokal hat mein Leben für die nächsten 25 Jahre beeinflusst.
Manche Orte findet man im Reiseführer. Andere bekommt man zugeflüstert — von jemandem der weiß, dass das Besondere sich nie von selbst empfiehlt.
Das erste Mal · 1999
Skala Potamia — ankommen und nicht mehr loslassen wollen
Wir flogen damals noch von Nürnberg nach Kavala — Pauschalurlaub, wie es sich für einen ersten Besuch gehört. Bus, Fähre, Hotel in Skala Potamia. Mein Sohn Max war dabei, klein genug um sich für jeden Strand zu begeistern und alt genug um abends allein durch die Läden des Ortes zu streifen.
Skala Potamia war damals ein Ort, der noch nicht wusste dass er schön ist. Kein Rummel, keine gesichtslosen Hotelkomplexe, kein Beachclub. Ein langer weißer Strand, ein paar Tavernen, Läden die nachmittags schlossen und abends wieder öffneten. Das Meer war so klar, dass man den Grund sehen konnte. Max hatte seine erste Thassos-Nacht noch nicht geschlafen, da war er bei den Ladenbesitzern schon bekannt.
Mit dem Hotel waren wir nur halb zufrieden. Aber mit der Insel? Vollkommen. Noch auf dem Rückflug beschlossen wir: nächstes Jahr wieder. Gleiches Hotel, gleicher Ort, gleiche zwei Wochen.
Der Moment · Jahr 2000
„Hallo Max, willkommen zurück.“
Es gibt Momente auf Reisen, die man nie vergisst. Nicht weil etwas Großes passiert — sondern weil etwas so Kleines passiert, dass man sofort weiß: hier ist man kein Tourist mehr.
Wir waren kaum angekommen, den ersten Abend noch, als wir mit Max in den kleinen Supermarkt am Ort gingen. Der Besitzer schaute auf, sah meinen Sohn — und sagte ohne zu zögern: „Hallo Max, willkommen zurück.“
Ein Jahr. Ein Besuch. Und er erinnerte sich an den Namen eines Kindes.
In diesem Moment wussten wir: Thassos ist nicht unser Urlaubsziel. Thassos ist unser Ort.
Am nächsten Morgen am Strand dann das zweite kleine Wunder: vollkommen ohne Absprache, ohne Handy, ohne Verabredung — trafen wir dasselbe Ehepaar mit ihren Kindern wieder, das wir im Vorjahr kennengelernt hatten. Max hatte seine Spielkameraden zurück. Thassos hatte uns zurück.
Der Bungalow · Eine Thassos-Geschichte
Michael — und wie man auf einer Insel zuhause wird
Die Geschichte mit Michael begann durch einen Zufall, der keiner war. Ich hatte einem Kunden Thassos empfohlen — so beiläufig, wie man von einem Ort erzählt den man liebt. Der Kunde fuhr hin, war vom Hotel enttäuscht, von der Insel begeistert. Und rief mich nach dem Urlaub an.
„Wolfgang, ich glaube ich hab was für dich gefunden. Ein Bungalow direkt am Strand. Ruf Michael an — hier ist die Nummer.“
Das war der Beginn einer langjährigen Reisetätigkeit nach Thassos, die über ein einfaches Buchen weit hinausging. Wenn man jedes Jahr an denselben Ort zurückkehrt, entsteht etwas das im normalen Urlaub nicht wachsen kann: echte Verbindungen. Gesichter die man kennt. Geschichten die sich über Jahre fortschreiben.
Skala Potamia heute
Was geblieben ist — und was nicht
Skala Potamia — dann und jetzt
1999: Ein langer weißer Strand. Dahinter ein paar Häuser, Tavernen, Lücken. Das Meer und der Himmel — und dazwischen wenig was stört.
Heute: Der Strand ist noch da. Das Wasser noch klar. Aber jede Lücke dahinter ist geschlossen. Haus an Haus, Hotel an Hotel — nicht brutal, nicht hässlich, denn auf Thassos darf man direkt am Strand nur zwei, drei Stockwerke bauen. Aber es sind so viele geworden. Die Weite ist weg. Das Dahinter ist verschwunden.
Es ist der Unterschied zwischen einem Ort der noch atmet — und einem der vollständig ausgefüllt ist.
Ich will nicht ungerecht sein. Thassos ist keine Betonwüste. Keine Plattenbauten am Wasser, keine Hochhäuser die den Horizont zerschneiden. Die Insel hat aufgepasst — in Grenzen. Aber Grenzen füllen sich, wenn genug Zeit vergeht und genug Leute kommen.
Im Sommer ist Skala Potamia heute voll. Wirklich voll. Die Ruhe die ich 1999 dort gefunden habe — die Stille eines Ortes der noch nicht entdeckt ist — die gibt es nicht mehr. Sie kann nicht mehr geben. Was einmal bekannt ist, bleibt bekannt.
Und ich? Ich habe dazu beigetragen. Ich habe Thassos weiterempfohlen. Dem Kunden, der Michael fand. Anderen. So funktioniert das mit Geheimtipps: man erzählt sie weiter, weil man sie liebt — und damit hören sie auf, Geheimtipps zu sein.
Und trotzdem fahre ich wieder hin.
Das ist der Zwiespalt, mit dem ich lebe. Thassos ist nicht mehr das Thassos von 1999. Es ist voller, lauter, verbaut. Der Supermarktbesitzer von damals — ich weiß nicht ob er noch dort ist. Max ist längst erwachsen. Laarson ist nicht mehr dabei.
Aber das Meer ist noch dasselbe. Das Licht am Abend über dem Wasser — dasselbe. Die Berge hinter dem Ort — dieselben. Und irgendwo in mir ist noch der Mann der 1999 zum ersten Mal aus dem Fährschiff stieg und dachte: hier will ich wiederkommen.
Seit 2021 komme ich mit dem Wohnmobil. Iwan schläft hinten, ich suche mir meinen Stellplatz selbst. Die Freiheit ist größer geworden, auch wenn der Ort kleiner wurde — kleiner im Sinne von: weniger Platz für das was ihn einmal besonders gemacht hat.
Vielleicht ist das die ehrlichste Beschreibung von Thassos die ich geben kann: Eine Insel, die ich zu gut kenne um sie aufzugeben. Und zu gut kenne um mir etwas vorzumachen.
