Satirische Illustration: Erkälteter Mann mit Tee auf dem Sofa, Hund, Familiennachrichten und einem vorläufigen Testament.

Die letzten Stunden eines tapferen Mannes

Ein Nachruf zu Lebzeiten – oder wie mich die Männergrippe schließlich doch einholte.

Es war ein Freitag im Oktober. Ein Tag wie jeder andere. Zumindest für die Menschen, die noch eine Zukunft hatten.

Ich hingegen spürte bereits seit einigen Tagen, dass sich etwas Unheilvolles anbahnte. Ein Kratzen im Hals. Müdigkeit. Schlechter Schlaf. Die üblichen Vorboten des nahenden Endes.

Dabei hatte ich das ganze Jahr versucht, der Erkältung immer einen Schritt voraus zu sein. Aber irgendwann überholt dich das Leben. Manchmal mit laufender Nase.

Die Diagnose

Eine offizielle ärztliche Diagnose liegt noch nicht vor. Das halte ich für nebensächlich. Ich kenne meinen Körper seit beinahe sechzig Jahren und kann eine gewöhnliche Erkältung von einer lebensbedrohlichen Männergrippe unterscheiden.

Bei einer Erkältung ist man etwas angeschlagen. Bei der Männergrippe nimmt die Entfernung zwischen Sofa und Küche exponentiell zu. Noch kann ich aufrecht gehen. Aber wie lange?

Über 30 Jahre im Dienste der Gesundheit. Der anderen.

Man muss wissen: Ich bin kein großer Anhänger des Krankseins. In meiner über dreißigjährigen, durchaus ruhmreichen Berufslaufbahn habe ich es weitgehend vermieden, wegen Erkältungen auszufallen.

Nicht, dass ich nie krank gewesen wäre. Ich habe meine gesundheitlichen Zusammenbrüche lediglich mit organisatorischer Disziplin bewältigt. Idealerweise begannen sie am Freitagabend. Samstag war für die Symptome vorgesehen, Sonntag für die Auseinandersetzung mit dem nahenden Ableben. Sollte ich wider Erwarten überleben, konnte ich Montag wieder meine Termine wahrnehmen.

Andere nehmen sich bei einer Erkältung ein paar Tage frei. Ich habe versucht, mein Sterben in die arbeitsfreie Zeit zu verlegen. The show must go on.

Und jetzt? Jetzt habe ich Urlaub. Ausgerechnet wenige Tage vor dem Ende meiner Auszeit erklärt mein Immunsystem, es würde ebenfalls Urlaub machen. Ohne Antrag. Immerhin hat es sich an die alte Tradition gehalten: Es ist Freitag.

Ein Mann trifft Vorsorge

Mein Klassentreffen heute Abend habe ich abgesagt. Eigentlich hatte ich mich sehr darauf gefreut, Menschen wiederzusehen, mit denen ich einst die Schulbank gedrückt habe. Nun müssen sie ohne mich auskommen.

Vielleicht erhebt Walter irgendwann sein Glas und sagt: „Schade, dass der Wolfgang nicht da ist.“ Ich hoffe, man wird einen Moment schweigen. Nicht zu lange natürlich. Das Essen wird schließlich kalt.

Die medizinische Versorgung

Noch habe ich keine umfangreichen Rettungsmaßnahmen eingeleitet. Ein heißer Tee, eine Decke und etwas Ruhe erscheinen mir angemessen. Eine liebevolle Rundumbetreuung wäre natürlich willkommen. Nicht, dass ich sie erwarten würde.

Ein Mann meiner Generation ist schließlich daran gewöhnt, seine Leiden still zu ertragen. Deshalb werde ich nur etwa alle zwanzig Minuten darauf hinweisen, wie schlecht es mir geht.

Die Digitalisierung meines Ablebens

Selbstverständlich informiere ich auch die Familie. Dafür gibt es unsere Familien-WhatsApp-Gruppe. Die Kinder sollen schließlich rechtzeitig wissen, wann sie ihr Erbe antreten können.

Nun liege ich fiebernd auf meinem mutmaßlichen Sterbebett und denke darüber nach, wie sich die Statusmeldungen automatisieren ließen. Ausgerechnet beim eigenen Ableben auf manuelle Prozesse zu setzen, wäre nach Jahren der Beschäftigung mit Digitalisierung geradezu fahrlässig.

Ich stelle mir eine Ampel vor. Grün: Der Alte lebt noch. Gelb: Er niest bedenklich häufig. Rot: Die Erben können sich langsam mit den Zugangsdaten beschäftigen.

Bleibt eine Eingabe aus, müsste das System melden: „Seit 120 Minuten keine Lebenszeichen. Bitte prüfen, ob der Erblasser lediglich schläft.“ Nach vier Stunden folgt eine Eskalation, nach sechs Stunden vorsorglich die Vermögensübersicht.

Allerdings müsste ich vorher die Vermögensübersicht aktualisieren. Und die Passwörter. Und die Serverdokumentation. Während ich mit letzter Kraft über Schnittstellen und Eskalationsregeln nachdenke, beschleicht mich die Sorge: Was, wenn ich nicht lange genug lebe, um die Automatisierung meines eigenen Todes fertigzustellen?

Das wäre ärgerlich. Dann müsste wieder alles manuell erledigt werden. Vielleicht schaffe ich wenigstens noch das technische Konzept. Die Umsetzung kann ich aufs Wochenende verschieben.

Mein letzter Wille – vorläufige Fassung

Ich, im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte, soweit sich das zwischen zwei Niesanfällen beurteilen lässt, verfüge hiermit Folgendes:

Erstens: Ivan erhält weiterhin seine Leckerlis. Ob er mein Ableben bemerkt, bevor die nächste Fütterung ansteht, bleibt offen.

Zweitens: Die Familie erhält Zugang zu meiner digitalen Infrastruktur. Ich bitte um Verständnis, dass selbst ich nicht mehr genau weiß, welcher Server wofür zuständig ist.

Drittens: Die zahlreichen unvollendeten Projekte sind keineswegs gescheitert. Sie befinden sich lediglich in einer ungewöhnlich langen Wartungsphase.

Viertens: Sollte ich überleben, sind sämtliche Verfügungen selbstverständlich gegenstandslos. Insbesondere die über meine technischen Spielereien.

Der Hund ahnt etwas

Ivan kommt gelegentlich nachsehen, ob alles in Ordnung ist. Jedenfalls interpretiere ich das so. Es könnte auch sein, dass er prüft, ob sich in meiner Hosentasche noch etwas Essbares befindet. Ich möchte ihm seine Illusionen lassen.

Sollte ich tatsächlich meiner Erkrankung erliegen, wird er mich vermutlich vermissen. Ungefähr bis zur nächsten Fütterung.

Ein letzter Gruß

Sollte dies mein letzter literarischer Beitrag sein, bedanke ich mich bei allen Leserinnen und Lesern. Ich hätte gerne noch mehr geschrieben: über Autos mit schwarzen Displays, von Lastwagen belagerte Ladesäulen und einen Hund, der jeden Waldspaziergang in ein Handelsgeschäft verwandelt.

Aber das Schicksal kennt keine Rücksicht. Ich habe schon wieder geniest. Zweimal. Hintereinander. Ich fürchte, es wird ernst.

Nachtrag, 23. Oktober 2026

Die Lage bleibt angespannt. Tee ist vorhanden. Die Körpertemperatur habe ich vorsichtshalber nicht gemessen. Man muss nicht jede schlechte Nachricht sofort erfahren. Ivan schläft. Die Welt dreht sich weiter. Ich kämpfe.

Fünf Minuten später: Ich glaube, ich könnte etwas essen. Vielleicht besteht doch noch Hoffnung.

Entwarnung an die Familiengruppe ist vorerst nicht vorgesehen. Der Erbfall bleibt unter Beobachtung. Montag habe ich wieder Termine.

© 2026 Wolfgang Kohlschütter · eswolferl.de

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